Seit 1984 behandeln wir in enger Zusammenarbeit mit dem Hôpital
Opthalmique der Universität Lausanne Patientinnen und Patienten,
welche an einem Aderhautmelanom erkrankt sind, mit Protonen
(Anlage OPTIS; seit Oktober 2010 ist eine neue Bestrahlungseinrichtung für Augentumoren, OPTIS 2, in Betrieb). Bis Ende 2010 haben wir über 5500 Patienten bestrahlt. In mehr als 98 Prozent wurde das Tumorwachstum
definitiv gestoppt oder der Tumor wurde zum Verschwinden gebracht.
In über 90 Prozent der Fälle konnte das tumorkranke
Auge gerettet werden. Die guten Erfolge bei der Augentherapie
und Erfahrungen mit Protonenbestrahlungen am Harvard Medical Cyclotron
in Boston haben uns bewogen, die Protonen am PSI auch für
tief liegende Tumoren einzusetzen. Wir haben dazu eine neuartige
Bestrahlungstechnik (Spot-Scanning) entwickelt und eine
entsprechende Bestrahlungseinrichtung (PSI-Gantry) gebaut.
Die PSI-Gantry 1, welche
für die Behandlung von tief liegenden Tumoren mit Protonenstrahlen
eingesetzt wird, ist seit Ende 1996 in Betrieb. Bis Ende
2010 wurden an der Gantry 1 über 700 Patientinnen und Patienten bestrahlt.
Rund 40 PatientInnen litten
unter Meningeomen. Diese Tumoren entwickeln sich aus den
Hirnhäuten (Meningen), die sich zwischen dem Schädelknochen und
der Gehirnoberfläche befinden. Die Tumoren wachsen langsam und
verdrängend und können in den umgebenden Schädelknochen infiltrieren.
Je nach Lage und Grösse der Meningeome können sie zum Beispiel
zu starken Kopfschmerzen, epileptischen Anfällen, Hirnleistungsstörungen,
Bewusstseinsstörungen, Lähmungserscheinungen und anderen neurologischen
Ausfällen führen. Wenn eine chirurgische Entfernung der Tumoren
nicht möglich ist, ist eine Strahlentherapie angezeigt. Die
Protonentherapie ermöglicht eine sehr präzise räumliche
Anpassung der Strahlendosis in der Nähe empfindlicher Strukturen
wie z. B. der Sehnerven.
Mehr als 50 Protonenbestrahlungen
wurden wegen Hirntumoren (Gliome, Ependymome, Medulloblastome
u. a.) durchgeführt. Diese entstehen zu einem grossen Teil aus
Gliazellen, dem Stützgewebe des Hirns, und sie sind um so erfolgversprechender
zu behandeln, je mehr sie noch ihren Ursprungszellen gleichen.
In diesen Fällen sprechen wir von Tumoren vom Grad 1 und
2. Wenn die Tumoren sich weiter von ihren Ursprungszellen entfernt
haben - wir nennen dies entdifferenziert -, verspricht die Protonentherapie
nicht mehr Erfolg als die zeitgemässe Bestrahlung mit Linearbeschleunigern
in Kliniken, denn das ganze Gehirn muss gleichmässig bestrahlt
werden. Daher gehören die Hirntumoren vom Grad 3 und 4 sowie
die Glioblastome zur Zeit nicht zum medizinischen Programm am
PSI. Diese Tumoren werden häufig auch mit einer Kombination
aus Chemotherapie und Bestrahlung in Kliniken behandelt.
Über 300 Patientinnen und
Patienten kamen wegen Chondrosarkomen und Chordomen im Bereich
der Schädelbasis und der Wirbelsäule zur Protonentherapie
ans PSI. Diese Tumoren sind bindegewebig, wachsen langsam, metastasieren
sehr selten, zerstören aber die meist empfindlichen und oft lebenswichtigen
gesunden Nachbarstrukturen. Da die Protonenstrahlen in berechenbarer
Tiefe stoppen und die grösste Strahlenmenge kontrollierbar in
diesem Stoppbereich (dem Bragg Peak) abgeben, hat man seit vielen
Jahren vor allem am Harvard Cyclotron /Massachusetts General Hospital
in Boston Chordome und Chondrosarkome der Schädelbasis im Rahmen
eines konsequenten und seriösen Programms bestrahlt. Der Erfolg
war überzeugend, für die Chondrosarkome konnte die lokale Tumorkontrolle
von etwa 40% auf über 80% angehoben werden, für die Chordome von
weniger als 5% auf über 50%. Damit wurden diese Tumoren -
neben den Melanomen des Auges - zu einer unbestrittenen Indikation
für Protonentherapie.
Wir sind weiterhin weltweit die Einzigen, die in der Lage sind, 'intensitätsmodulierte Protonentherapie' (IMPT)
anzubieten. Bereits 1999 haben wir bei einem jungen Mann, weltweit erstmals, eine Protonentherapie mit IMPT zur Behandlung eines Chondrosarkom an der Brustwirbelsäule
durchgeführt. Damit war eine optimale Schonung
des Rückenmarks möglich, so dass der Patient heute,
mehr als 10 Jahre nach Abschluss der Bestrahlung, beschwerdefrei
und voll berufstätig ist. Diese mit Protonen derzeit nur am PSI mögliche,
noch einzigartige Bestrahlungstechnik haben wir in den letzten
Jahren weiterentwickelt. In den vergangenen Jahren haben wir
mehr als 400 PatientInnen teilweise oder vollständig mit IMPT bestrahlt.
Sarkome
- bösartige Krebsgeschwülste des Binde- und Stützgewebes - kommen
auch in anderen Gebieten des menschlichen Körpers vor, zum Beispiel
im Steissbein, in der Lendenwirbelsäule, an oder in den Knochen
und Gelenken sowie im Muskelgewebe und müssen mit sehr hoher
Dosis behandelt werden. Bis Ende des Jahres 2010 haben wir rund 100
PatientInnen mit Sarkomen ausserhalb der Schädelbasis
und Wirbelsäule bestrahlt, meist nach vorangegangener
Operation, oder auch in Kombination mit Chemotherapie.
Tumoren im Hals-Nasen-Ohrenbereich
(HNO-Tumoren) wachsen häufig in enger Nachbarschaft zu den
empfindlichen Strukturen des Hirn, der Schädelbasis und der Wirbelsäule.
Daher haben wir bis Ende 2010 über 30 HNO-Tumoren (inkl. mehrere Hauttumoren)
behandelt, zum Teil wiederum in Kombination mit Chirurgie, Chemotherapie
und in einigen Fällen auch in Kombination mit konventioneller
Photonenbestrahlung.
Bis Ende 2010 haben
wir auch rund 200 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 1.5 und 20 Jahren
behandelt . Mehr als 80 davon (im Alter von 1 bis 5 Jahren) mussten wegen
ihres jungen Alters und der fehlenden Möglichkeit der Kooperation
unter Narkose behandelt werden. Die Tumoren waren im Kopf oder
Körperstamm lokalisiert. Appliziert wurden zwischen 14.0
und 74.0 CGE (in wenigen Fällen in Kombination mit einer
konventionellen Photonentherapie).
Protonentherapie von
Prostatakarzinomen haben wir zwischen 1999 und 2003 bei
13 Patienten durchgeführt. Die Protonentherapie der Prostata
führte bei ungefähr der Hälfte der Patienten zu
keinen akuten Nebenwirkungen, und zu nur milden Nebenwirkungen
bei den übrigen. Ab 2004 haben wir aufgrund
der beschränkten Kapazität keine Prostatakarzinome bei Erwachsenen behandelt. Für viele Prostata-Tumorerkrankungen bringen heute andere (konventionelle) Behandlungen vergleichbare Ergebnisse, weshalb Protonen sinnvollerweise nur bei ausgewählten Prostata-Tumoren angewendet werden sollen. Eine entsprechende klinische Studie ist am PSI in Vorbereitung.
Die Therapie von Mammakarzinomen mit Protonenstrahlen soll noch 2011 im Rahmen einer klinischen Studie vertieft untersucht werden. Ein entsprechender Antrag liegt beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) und bei der Eidg. Leistungskommission (ELK) derzeit zur Prüfung auf. An dieser klinischen Studie zur Wirkung der Protonentherapie im Vergleich mit modernster konventioneller Strahlentherapie ist das Kantonsspital Aarau beteiligt.
Besondere Beachtung
verdient die Altersverteilung unserer PatientInnen: Rund 50 % waren jünger als 40 Jahre, ca. ein Drittel waren Kinder und
Jugendliche unter 20 Jahre. Diese PatientInnen können ganz besonders
von der Protonentherapie profitieren, da durch die präzise Abgabe
der höchsten Strahlendosis im Tumor sowohl der noch wachsende
und sehr empfindliche kindliche/jugendliche Organismus geschont
wird als auch die Wahrscheinlichkeit von späteren Zweittumoren
geringer eingestuft wird als nach herkömmlicher Photonentherapie.
Die bisherigen Behandlungsergebnisse
stimmen uns sehr zuversichtlich, dass die neuartige Technik
der am PSI entwickelten Protonenbestrahlung einen wesentlichen
Fortschritt in der Therapie und Heilung von Patientinnen und Patienten
mit bestimmten Krebserkrankungen bringen kann. Mit unserer
Scanning-Technik sind wir zur Zeit noch nicht in der Lage, auch Tumoren zu bestrahlen, die sich während der Bestrahlung
bewegen (z. B. Brust- oder Lungenkarzinome). Durch die Weiterentwicklung (Gantry 2, ev. auch einer Gantry 3) und den Ausbau der klinischen Infrastruktur am
PSI (Projekt PROSCAN) werden
noch mehr Patientinnen und Patienten mit tief
liegenden Tumoren von unserer Protonentherapie profitieren
können. Die neuartige Gantry 2 mit fortgeschrittener
Scanning-Technik wird uns erlauben, auch bewegliche Tumoren mit der angestrebten hohen Präzision zu bestrahlen. Die Gantry
2 wird voraussichtlich Mitte 2012 den klinischen Betrieb aufnehmen.